Rituelle Gewalt ist die systematische Anwendung schwerer körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt in destruktiven Gruppierungen. Häufig dient eine Ideologie (z.B. Satanismus, Faschismus) als Sinngebung und Rechtfertigung der Gewalt und als erlerntes Werte- und Normensystem. Es gibt Verbindungen zur Organisierten Kriminalität (Menschenhandel, Zwangsprostitution, Drogenhandel etc.) und ein Schweigegebot. Ausstiegswillige werden unter Druck gesetzt, erpresst und verfolgt. In manchen Gruppierungen (z.B. satanische Kulte) sind Familien generationenübergreifend eingebunden. Es erfolgt eine frühkindliche Bindung an Täter, Kult und Ideologie. Funktionalität und Gehorsam werden durch lebenslange Konditionierung und Programmierung (Mind Control) erzwungen. Dabei wird in der Regel schon ab Geburt absichtlich eine Dissoziative Identitätsstruktur mit voneinander abgespaltenen Persönlichkeiten erzeugt. Ziel der systematischen Abrichtung ist es, eine innere Parallelwelt zu erschaffen, die durch die Täter jederzeit abrufbar und steuerbar ist und für die das Kind und später der Erwachsene im Alltag keine bewusste Erinnerung hat.

Mit eigenen Worten

„Eine der stärksten Kult-Botschaften ist: „Niemand kann dich jemals so lieben wie wir. Niemand wird sich jemals so um dich kümmern wie wir. Du kannst niemals zu jemandem so gehören wie du zu uns gehörst.“ Völliger Quatsch! Ich habe ein Unterstützungssystem, das mich sehr, sehr liebt und sich um mich kümmert. So wird diese wesentliche Kult-Botschaft gebrochen. Ich weiß, dass ich nicht allein bin, in jedem erdenklichen Sinne.“
Alicia in Oksana, C. (1996): Safe Passage to Healing, Übersetzung von VIELFALT e.V., S. 1-7.

„Die entscheidende Kraftquelle ist für mich geblieben, dass ich zwar nicht die Macht habe, die Gewalt zu beenden, die in der Welt und in den Kult-Zusammenhängen passiert. Aber als Erwachsene habe ich die Macht, darüber zu entscheiden, ob ich die Gewalt aktiv weitergebe. Und wenn ich sie nicht weitergebe, habe ich schon sehr viel getan.“
Mina in: Huber, M. (2011): Viele sein. Ein Handbuch. Paderborn: Junfermann, S. 279

„Sie hatten mich, als ich zehn Jahre alt war, zu ihresgleichen gemacht. Zur Täterin, die gefangen in Schuld und Scham und Pein und der Handlung sicher nie reden wird – hofften sie das? (…) Sie haben es nicht geschafft, ich bin zu stark geworden in den Jahren der Therapie. Zu stark, zu rebellisch, zu mutig, meine Kriegerin in mir hat aufgehört zu schweigen. Das ganze Risiko auf mich genommen, zu sterben, daran kaputt zu gehen, gefunden zu werden und doch noch getötet. (…) Diese Jahre des Hinschauens, des Aushaltens, was damals war, der Aufarbeitung und der tiefsten Prozesse haben mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Eine Frau - auf Entdeckungsreise - neugierig, stark, mutig, freudig, ernst, humorvoll, mit großem Herzen.“
Leonie (2010): Ausstieg aus der Hölle. Mein Weg aus dem Dunkel ins Licht. Gelnhausen: Wagner, S. 379, 381, 387

Diskussion um den Begriff Rituelle Gewalt

Die hier von uns verwendete Definition Rituelle Gewalt ist das Ergebnis unserer langjährigen Praxiserfahrungen und des fachlichen Austausches in Vernetzungen.
Bisher gibt es keine international einheitlich gebräuchliche Definition, aber viele Begriffe, die z. T. synonym verwendet werden und unscharf sind:

Extreme Gewalt, ideologisch motivierte Straftaten, Organisierte Gewalt/Organisierte Kriminalität, Folter, Mind Control, Rituelle Gewalt, Ritualisierte Gewalt, satanisch ritueller Missbrauch.

Ritual Abuse (Ritueller Missbrauch/Rituelle Gewalt) ist der seit Anfang der 1980er Jahre am häufigsten verwendete Begriff. Eine viel gebrauchte Definition stammt von Finkelhor (Finkelhor, D. (1991): Nursery crimes-sexual abuse in day care. In: Core, D. (Hrsg.): Chasing Satan. London: Gunter, S. 12) 

Danach ist Rituelle Gewalt „schwerer sexueller, physischer und emotionaler Missbrauch, der sich in einem Kontext ereignet, verbunden mit Symbolen oder Tätigkeiten, die den Anschein von Religiosität, Magie oder übernatürlicher Bedeutung haben. Diese Tätigkeiten werden über längere Zeit wiederholt, um die Kinder in Angst zu versetzen, sie gewaltsam einzuschüchtern und um sie zu verwirren.“ 

Aber wo beginnt Rituelle Gewalt? Bei einem Vater, der jeden Abend seine Tochter mit demselben sadistischen Ritual „bestraft“ – eingebettet in sein ganz persönliches religiöses Wahnsystem? Und worum geht es: Extreme Gewalt, die ritualisiert ausgeübt wird – oder Rituelle Gewalt als komplexe, organisierte Gewaltform?

Elemente Ritueller Gewalt kommen in verschiedenen Kontexten vor, bei obigem Beispiel des sadistischen Vaters oder in der Ausbildung von Kindersoldaten, bei politischer Folter und in der Pornoindustrie und Zwangsprostitution, wenn „magische Rituale“ lediglich inszeniert werden zur Verkaufssteigerung und für den „besonderen Kick“.

Andererseits gibt es auch (sich selbst so bezeichnende) Satanisten, die keine Rituelle Gewalt anwenden und Organisierte Kriminalität ohne Verbindung zu einer Ideologie/ideologischen Gruppierung.  

Im Kontext Ritueller Gewalt tauchen häufig fünf Themenkomplexe auf: 

Organisierte Rituelle Gewalt - C. Igney

Wir verwenden den Begriff „Rituelle Gewalt“ als Eigennamen für eine spezifische Gewaltform, weil unserer Erfahrung nach gerade das systematische Zusammenwirken der oben genannten Faktoren den Ausstieg, die Unterstützung der Betroffenen und auch die Strafverfolgung so schwierig machen. 

Weitere Informationen zur Debatte um den Begriff Rituelle Gewalt:

Becker, T. (2008): Organisierte und Rituelle Gewalt. In: Fliß, C., Igney, C. (Hg.) (2008): Handbuch Trauma und Dissoziation (S. 23-37), Lengerich: Pabst Science Publishers.

Becker, T. (2010): Was wir über Gewalt ausübende, ideologische Kulte, Täter und Täterstrukturen wissen – eine Betrachtung. In: In: Fliß, C., Igney, C. (2010): Handbuch Rituelle Gewalt (S. 105-134), Lengerich: Pabst Science Publishers.

Fliß, C., Igney, C., von Bracken, R. (2010): Zur Definition Rituelle Gewalt. In: Fliß, C., Igney, C. (2010): Handbuch Rituelle Gewalt (S. 11-16), Lengerich: Pabst Science Publishers.

Igney, C. (2012): Rituelle Gewalt – im Spannungsfeld von Parallelwelten, gesellschaftlicher (Ab-)Spaltung und psychosozialem Arbeitsalltag. ZPPM - Zeitschrift für Psychotraumatologie, Psychotherapiewissenschaft, Psychologische Medizin, Jg. 10, Heft 4, S. 11-28.
Artikel zum Download

Huber, M. (2003): Trauma und Traumabehandlung. Teil 1: Trauma und die Folgen. Paderborn: Junfermann.

Miller, Alison (2016): Werde, wer Du wirklich bist. Mind Control und Rituelle Gewalt überwinden. Kröning: Asanger.
 Flyer (Vorbestellung zum ermäßigten Preis ist schon möglich)

Netzwerk ALTERNATIEF (2015): Organisierte Rituelle Gewalt und Mind Control - Standortbestimmung 2015. Tagungsdokumentation. Erhältlich über www.alternatief.org oder fachtag@alternatief.org

S.I.E. e.V. (2011): Rituelle Gewalt. Vom Erkennen zum Handeln. Dokumentation der Tagung vom 6. November 2009 in Trier. Lengerich: Pabst Science Publishers.